|
VON
Patrick Eickemeier Die Mischung
macht's. Auf diese einfache
Formel lässt sich das Erfolgsrezept
des Biotechnologie-Standorts
Frankfurt bringen. Aus der Vernetzung
von Forschungsinstituten und
Unternehmen vor Ort und der
gezielten Ansiedlung deutscher
und internationaler Firmen ist
ein quirliger Biotech-Standort
entstanden. Der am stärksten
vertretene Bereich, die so genannte
rote Biotechnologie für
medizinische Anwendungen, kann
sich auf die gewachsenen Strukturen
des alten Hoechst-Standortes
stützen, früher auch
"Apotheke der Welt"
genannt. Der heutige Industriepark
Frankfurt-Höchst ist hervorgegangen
aus dem Stammwerk des Chemiekonzerns.
Hier werden schon seit 1883
Arzneimittel hergestellt. In
den vergangenen fünf Jahren
wurden fast 2 Mrd. Euro in den
Ausbau des Areals investiert.
Heute bieten hier mehr als 80
Firmen rund 22 000 Arbeitsplätze.
Das Pharma-Unternehmen Sanofi-Aventis
zum Beispiel betreibt die weltweit
größte biotechnologische
Anlage zur Herstellung von Insulin
für Diabetiker. 89 Hektar
stehen noch für Ansiedlungsprojekte
zur Verfügung. Vor vier
Jahren kam das FIZ hinzu, das
Frankfurter Innovationszentrum
Biotechnologie. "Wir verfolgen
einen ökonomischen Ansatz",
sagt Geschäftsführer
Christian Garbe. Da Ressourcen
wie Fördergelder, Risikokapital
und auch qualifizierte Arbeitskräfte
knapp seien, wählen ein
naturwissenschaftlicher und
ein wirtschaftswissenschaftlicher
Beirat aussichtsreiche Therapiegebiete
aus. Diese sollen sich in die
Forschungslandschaft einfügen
und zu den Pharma-Unternehmen
vor Ort passen. Die Schwerpunkte
liegen bislang auf entzündlichen
Erkrankungen, Hirnkrankheiten
und Krebs. "Wir schließen
mit dem FIZ die Lücke zwischen
der Grundlagenforschung und
der Produktion", sagt Garbe.
Anders als andere, vorwiegend
staatlich finanzierte Gründerzentren
wird das FIZ immobilienwirtschaftlich
getragen. Bereits eineinhalb
Jahre nach der Eröffnung
war der erste Bauabschnitt voll
belegt. Für 60 Prozent
der Flächen des zweiten
Bauabschnitts gebe es bereits
Interessenten, sagt Garbe. Die
Mieteranfragen kommen von Unternehmen
aus der frankfurter Region bis
hin zu Firmen aus den USA, Großbritannien,
Indien
oder China. "Wir wollen
eine Andockstelle für global
forschende Unternehmen sein",
sagt Garbe. Gerade im Bereich
der roten Biotechnologie gebe
es großes Marktpotenzial.
"Die Biotechnologie bietet
die Möglichkeit, Wirkstoffe
relativ leicht herstellen zu
können", sagt Theodor
Dingermann, Professor für
pharmazeutische Biologie an
der Goethe-Universität
in Frankfurt. Die Technik nutzt
das große Spektrum natürlich
vorkommender Stoffe und lässt
sie von gentechnisch veränderten
Organismen, meist Bakterien,
produzieren. Problematisch sei
also nicht, die Wirkstoffe zu
finden, sondern ihre Targets,
die medizinischen Anwendungsgebiete
für die abgeleiteten Präparate.
Dabei müssen die Biotech-Unternehmen
auch Rückschläge hinnehmen.
So hat die Europäische
Arzneimittelbehörde unlängst
einen von gentechnisch veränderten
Ziegen produzierten Blutverdünner
nicht zugelassen. Die Ablehnung
erfolgte, nachdem das Mittel
eines britischen Herstellers
in sämtlichen klinischen
Tests bestanden hatte. Die Zulassungsbehörde
kritisierte vor allem, dass
zu wenige Patienten an der Studie
beteiligt waren. Zudem wurde
der Produktionsprozess während
der Studie verändert, sodass
nicht sichergestellt sei, dass
Patienten nach der Zulassung
das gleiche Präparat wie
die Probanden in der Studie
erhielten. Um solche Fehlschläge
zu vermeiden, wurde 2002 an
der Goethe-Universität
das Zentrum für Arzneimittelforschung,
-entwicklung und -sicherheit
(Zafes) eingerichtet. "Bei
uns sitzen alle Beteiligten
der Wertschöpfungskette
an einem Tisch", sagt Zafes-Projektmanager
Thorsten Strube. Die Experten
versuchen bereits bei der Ideenfindung
einzuschätzen, ob ein Wirkstoffkandidat
in klinischen Tests durchfallen
könnte. Solche Projekte
würden zu Anfang scheitern
und nicht erst nach Jahren der
Entwicklungsarbeit, sagt Strube.
Das Zafes soll das Wissen aus
den drei Welten, bestehend aus
Universität, pharmazeutischer
Industrie und Biotechnologie,
zusammenführen.
Auch die Landesregierung Hessens
will den Transfer von Technologie
in die Gesellschaft fördern.
Ende 2004 trat ein neues Hochschulgesetz
in Kraft, in dem dies als Aufgabe
der Hochschullehrer definiert
wird. "Das war ein Quantensprung",
sagt Pharmazeut Dingermann.
Früher sei die angewandte
Forschung skeptisch beobachtet
worden. Das habe sich nun geändert.
Als Beispiel nennt er die Gründung
des Biotech-Unternehmens Phenion.
Die Ausgründung aus der
Frankfurter Pharmazie arbeitet
etwa auf dem Gebiet Tissue-Engineering,
der Züchtung von Geweben.
Phenion vermarktet unter anderem
ein Modell der menschlichen
Haut. Die wissenschaftliche
Kompetenz stellt die Goethe-Universität,
Markt- und Management-Know-how
der Henkel-Konzern. Henkel gehören
60 Prozent des Unternehmens.
"Dass die Universität
zehn Prozent hält und zudem
sechs Professoren Kommanditisten
sind, zeigt, wie sich das Verhältnis
von Hochschule und Industrie
geändert hat", sagt
Dingermann. Die Annäherung
zeichnet sich auch räumlich
ab. Der naturwissenschaftliche
Campus der Goethe-Universität
wird mit sämtlichen Fachbereichen
im Stadtteil Riedberg neu aufgebaut,
in direkter Nachbarschaft zum
FIZ. Christian Garbe hofft,
dass die Unternehmen hier künftig
ihr Personal rekrutieren können.
"Bei hochkomplexen Prozessen
wie in der Biotechnologie ist
Humankapital der knappste Faktor",
sagt der 41-Jährige.
|