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Die
Pharmaforschung steckt weltweit
in einer Innovationskrise:
Während 1996 noch 53 neue
Wirkstoffe auf den Markt kamen,
waren es 2002 nur noch 26. Gleichzeitig
stiegen die Forschungskosten
von 17 auf 32 Milliarden US-Dollar.
Im internationalen Wettbewerb
schneidet Europa als Standort
für die Pharmaforschung
nicht gut ab Während zwischen
1990 und 2002 in den USA die
Investitionen in Forschung und
Entwicklung um das Fünffache
stiegen, lag in Europa die Steigerungsrate
nur bei 2,5. Wie die EU-Kommission
im Juli 2003 in ihrem Bericht
»Die pharmazeutische Industrie
Europas zum Wohl der Patienten
stärken: was zu tun ist«
feststellte, waren die USA in
den letzten Jahren außerdem
erfolgreicher bei der Koordinierung
öffentlicher und privater
Forschung. Dies ist nicht zuletzt
ein Verdienst des National Institute
of Health (NIH), über das
Forschungsaktivitäten gebündelt
und vor allem gestärkt
werden. In Europa sind die Forschungssysteme
dagegen stark zersplittert,
was die Entwicklung eines dynamischen
Forschungs- und Innovationszentrums
entscheidend behindert. Die
Kommission kritisiert vor allem,
dass hier Wissenschaftler nur
selten in großem Stil
zusammenarbeiten – weder
über Fachgrenzen hinweg
noch zwischen Wissenschaft und
Wirtschaft. Das soll sich jetzt
ändern – zumindest
in Frankfurt. Natürlich
gab und gibt es an der Universität
Frankfurt im Bereich der Pharmaforschung
schon immer Beispiele für
interdisziplinäre Zusammenarbeit
von Wissenschaftlern über
Fachbereichsgrenzen hinweg und
mit der Industrie sowie der
Biotechnologie – aber
es sind relativ wenige. Dass
sich geeignete Partner fanden,
war bisher mehr oder weniger
dem Zufall überlassen.
Forschen im Verbund
Jetzt soll mehr System in die
Sache kommen. Das beste Wissen
aus den drei Welten –
Universität, Industrie
und Biotechnologie soll optimal
genutzt werden und zwar mit
Hilfe des Zentrums für
Arzneimittelforschung, -Entwicklung
und -Sicherheit, kurz ZAFES
genannt, das vor kurzem seine
Arbeit aufgenommen hat. Zunächst
haben sich die beteiligten 23
Professoren der Fachbereiche
Chemische und Pharmazeutische
Wissenschaften sowie Medizin
daran gemacht, geeignete Forschungsschwerpunkte
zu identifizieren: Sie wollen
sich zuerst mit den drei großen
Indikationen Schmerz, Entzündung
und Krebs befassen und dabei
die Kompetenz der Pharma- und
Wirkstoffforschung auf dem Campus
Riedberg mit der des Universitätsklinikums
auf dem Campus Niederrad sowie
Partnern aus Industrie und Biotechnologie
zusammenführen. Grundlagenforschung,
Entwicklungs- und Erprobungsprozesse
sollen dadurch frühzeitig
und effizient an einem Strang
ziehen. Ziel ist es, im Verbund
wesentliche wissenschaftliche
Beiträge zu leisten, damit
neue Wirkstoffe nicht nur gefunden,
sondern auch schnell zur Arzneimittelreife
entwickelt werden können
.
Die drei Beine des »Frankfurter
Tischs«
Prof. Dr. Dr. Gerd Geißlinger,
Direktor des Instituts für
klinische Pharmakologi am Pharmazentrum
Frankfurt und Sprecher des ZAFES
Vorstands, sieht in dem Zentrum
eine logische Weiterentwicklung
bisheriger Aktivitäten
und Kooperationen innerhalb
der Universität sowie mit
Industriepartnern. Er vergleicht
die neuen Aktivitäten mit
einem dreibeinigen Tisch, bei
dem ein Bein ZAFES und die anderen
beiden das in Kürze bezugsfertige
Frankfurter
Innovationszentrum Biotechnologie
(FIZ) sowie das Studienzentrum
Rhein/Main sind. Mit Hilfe
des Studienzentrums sollen die
akademischen Lehrkrankenhäuser
effizienter in die klinische
Entwicklung von Arzneimitteln
eingebunden werden. »Ein
solcher ›Frankfurter Tisch‹
braucht alle drei Beine. Fehlt
eines, kippt er um«, stellt
Geißlinger fest und wünscht
sich vor allem, dass ZAFES sich
möglichst schnell zu einem
»Think Tank« entwickelt,
der entscheidende wissenschaftliche
Beiträge für die Arzneimittelentwicklung
liefert. »Konkret planen
wir zum Beispiel Workshops für
Experten aus der Hochschule
und der Industrie.« Darüber
hinaus wolle man funktionsübergreifendes
Arbeiten und unternehmerisches
Denken fördern, erläutert
Geißlinger. Prof. Dr.
Josef Pfeilschifter,
Dekan der Medizinischen Fakultät
und Mitglied im ZAFES-Vorstand,
sieht in dem neuen Zentrum vor
allem eine adäquate Antwort
der Universität auf die
in Deutschland unterrepräsentierte
Pharmaforschung. Und Prof. Dr.
Dieter Steinhilber
vom Institut für Pharmazeutische
Chemie und ebenfalls Mitglied
des ZAFESVorstands ist davon
überzeugt, »dass
wir viele Synergieeffekte erzielen
werden, wenn wir die Ressourcen
von universitärer und industrieller
Forschung gezielt nutzen können.
Gerade der Bereich der Grundlagenforschung
auf dem Wirkstoffsektor könnte
davon profitieren.«
Innovatives Konzept
stärkt den Wissenschaftsstandort
Frankfurt
ZAFES, so der im September 2003
berufene Geschäftsführer
und Aventis-Mitarbeiter Dr.
Bernd Stowasser, sieht sich
durchaus in Konkurrenz zu anderen
Forschungsnetzwerken wie etwa
an der Purdue University in
Lafayette, Indiana, USA: »Wir
können hier in Frankfurt
nahezu die gesamte Wertschöpfungskette
einer Arzneimittelentwicklung
abdecken – von der Grundlagenforschung
über die Pharmazeutische
Technologie bis hin zur klinischen
Entwicklung. Außerdem
ha-ben wir viele forschende
Pharma- und Biotechnologieunternehmen
in der Nähe. Das bietet
sonst keine Universität
in Deutschland, vielleicht nicht
einmal in Europa.« Dr.
Frank Douglas, Aventis-Forschungsvorstand
un
Mitglied des Hochschulrates
der Universität, erläutert:
»Das Unternehmen möchte
mit seiner Unterstützung
dieses innovativen Konzepts
langfristig den Wert des Standorts
Frankfurt als Hochburg der Wissenschaft
und als interessanten Industriestandort
erhöhen. Eine wettbewerbsfähige
Pharmaforschung braucht erstklassige
akademische Netzwerke.«
Die Partner darin leisten mittlerweile
ein Viertel der Forschung. Allerdings
müssen diese Partner selbst
auch internationales Spitzenniveau
haben und konkurrenzfähig
sein. Denn angesichts des globalen
Wettbewerbs können Geographie
oder Heimatverbundenheit keine
Rolle mehr spielen.
Beispiel: Frankfurter
Schmerzplattform
Die Frankfurter Schmerzplattform
ist eine seit drei Jahren bestehende
bilaterale Kooperation zwischen
Aventis und dem Pharmazentrum
der Universität. Aus den
dort gemachten Erfahrungen werde
ZAFES großen Nutzen ziehen,
meint Stowasser. Gerade die
Arbeit in der Schmerzplattform
habe gezeigt, dass eine übergeordnete
Struktur notwendig ist, bestätigt
Privatdozent Dr. Martin Michaelis.
Der bei Aventis für Arthrose-Schmerz
zuständige Mediziner arbeitet
eng mit Frankfurter Wissenschaftlern
vom Pharmazentrum zusammen.
»Wir finanzieren dort
einen kleinen Arbeitskreis,
der sich mit dem Oberthema ›Schmerzen
bei degenerativen Gelenkerkrankungen‹
befasst«, erklärt
Michaelis. »So werden
zum Beispiel ausgewählte
Entwicklungssubstanzen von den
Hochschulkollegen in Modellen
getestet, die wir nicht haben.
« Ohne die Wissenschaftler
an der Universität, davon
ist Michaelis überzeugt,
wäre man etwa bei der Entwicklung
einer Wirksubstanz, Laborkürzel
AVE1627, zur Behandlung von
Osteoarthrose längst noch
nicht so weit. Eine gemeinsame
richtungsweisende Publikation
sei bereits eingereicht. Osteoarthrose
ist die häufigste chronisch
degenerative Gelenkerkrankung,
an der weltweit etwa 500 Millionen
Menschen leiden – Tendenz
steigend. Die pharmakologischen
Behandlungsmöglichkeiten
des Hauptsymptoms Schmerz sind
gegenwärtig unzureichend,
weil die zur Verfügung
stehenden Mittel eine zu geringe
schmerzlindernde Wirkung haben.
Außerdem lösen sie
bei chronischer Anwendung häufig
ernste Nebenwirkungen aus, so
dass für die Entwicklung
neuer Medikamente auf diesem
Gebiet ein großer »Medical
Need« besteht. Last but
not least sind die Aventis-Forscher
auf der Suche nach neuen Angriffspunkten
(»Targets«) für
pharmakologisch wirksame Substanzen.
An manchen Punkten sei man jedoch
an die Grenzen dieser bilateralen
Kooperation gestoßen,
so Michaelis. Er verspricht
sich von ZAFES noch mehr Transparenz.
»Kaum einer unserer Wissenschaftler
weiß wirklich, was die
Universität Frankfurt auf
dem Gebiet der Arzneimittelforschung
und -entwicklung so alles zu
bieten hat.« Das neue
Zentrum soll deshalb –
so hofft Michaelis – nicht
nur die Suche nach geeignetem
Knowhow an der Universität
erleichtern, sondern selbst
konkrete Projekte initiieren
und umsetzen. Das ist auch das
erklärte Ziel von Stowasser.
Über ZAFES könnten
neben weit verbreiteten Erkrankungen
auch solche Krankheiten untersucht
werden, die nur wenige Patienten
betreffen (»orphan indications
«) und von Industrieunternehmen
wegen der zu erwartenden geringen
Profitabilität oft nicht
in Angriff genommen werden.
So widmen sich der Molekularbiologe
und ZAFES-Vorstand Prof. Dr.
Rolf Marschalek
vom Institut für Pharmazeutische
Biologie und der Leiter der
Frankfurter Kinderklinik, Prof.
Dr. Thomas Klingebiel,
gemeinsam der Erforschung einer
lebensbedrohlichen Krankheit,
von der weltweit jährlich
etwa 600 Kinder betroffen sind:
einer spezifischen Subform der
Akuten Hochrisiko-Leukämie.
Ziel ist die Entwicklung von
Therapeutika, die in das pathogene
Prinzip dieser Leukämieform
eingreifen (»targeted
therapy«). »Erste
biologische Testsysteme zur
Vorbereitung eines Pharma-Screenings
werden gerade etabliert«,
sagt Marschalek. Zur Umsetzung
eines solchen Pharma-Screenings
sind weitere Industrie-Kooperationen
notwendig, die über ZAFES
angestoßen und koordiniert
werden können.
Wettbewerbsvorteil für
junge Wissenschaftler
Vor allem junge Wissenschaftler
will Stowasser für interdisziplinäre
Projekte begeistern und sie
zum Beispiel mit geeigneten
Partnern zusammenbringen. »Erste
Gespräche mit einer Berliner
Biotechnologie Firma, die an
einer Zusammenarbeit mit ZAFES
interessiert ist, zeigen, dass
wir auf dem richtigen Weg sind.«
Dass derartige Projekte ein
Wettbewerbsvorteil für
den weiteren Werdegang von jungen
Wissenschaftlern sind und nicht
nur hilfreich beim Einwerben
von Drittmitteln, davon ist
er überzeugt. Insbesondere
auch die Frankfurter Studenten
und Doktoranden sollen nach
Möglichkeit am Beispiel
von ZAFES bereits während
ihrer Ausbildung funktionsübergreifendes,
teamorientiertes Arbeiten lernen.
Schließlich ist ZAFES
mehr als die Zusammenarbeit
von Fachbereichen. Es werden
konkrete Projekte und Fragestellungen
von verschiedensten Wissenschaftlern
behandelt, die sich regelmäßig
– etwa einmal im Monat
– zum persönlichen
Austausch treffen. So kann möglichst
frühzeitig etwa der Pharmazeutische
Technologe dem Chemiker wertvolle
Hinweise geben, ob ein ins Auge
gefasstes neu synthetisiertes
Molekül überhaupt
applizierbar ist, und früh
und fundiert entschieden werden,
welche Projekte sinnvollerweise
weiterverfolgt werden sollen
und welche nicht. Ein Projektkoordinator
ist dafür verantwortlich,
dass Projekte effizient durch
die verschiedenen Center of
Expertise vorangetrieben werden.
Dazu erhält er organisatorische
Unterstützung, zum Beispiel
beim Projektmanagement und bei
der Koordination von externen
Netzwerken. »ZAFES steht
allen forschenden Unternehmen
offen«, betont Stowasser,
der im Frühjahr 2004 in
das fertig gestellte FIZ auf
dem Campus Riedberg einziehen
wird. Nähe zur Universität,
aber auch zu anderen Institutionen
in Sachen Pharmaforschung und
-entwicklung sowie jungen Unternehmen
ist für ZAFES ebenso wichtig
wie der Kontakt mit den Großen
der Branche. »Und wenn
es ganz gut läuft, werden
wir mit Hilfe von ZAFES vielleicht
sogar irgendwann ein Arzneimittel
vermarkten, das nur durch die
einmalige Konstellation von
Frankfurter Know-how aus den
drei Welten möglich wurde.«
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