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Schätzungsweise
2500000 Menschen in Europa und
den Vereinigten Staaten leiden
an chronischentzündlichen
Krankheiten des Magen-Darm-Traktes,
vor allem Morbus Crohn und Colitis
ulcerosa . In Deutschland sind
rund 320000 Menschen betroffen.
Immer wiederkehrende starke
kolikartige Bauchschmerzen,
Gewichtsabnahme, allgemeine
Erschöpfungszustände
und häufige Durchfälle
sind Hauptsymptome des Morbus
Crohn. Bei Colitis ulcerosa
stehen meist blutig-schleimige
Durchfälle im Vordergrund,
die eine Frequenz von bis zu
30 Darmentleerungen pro Tag
erreichen. Für viele dieser
Patienten bestimmt die Krankheit
den Tagesablauf. Die Entzündung
nimmt in aller Regel einen chronisch-progredienten
Verlauf und befällt bei
Morbus Crohn die gesamte Darmwand
(transmurale Entzündung),
bei Colitis ulcerosa nur die
innere Darmwand. Während
bei Colitis ulcerosa nur der
Dickdarm betroffen ist, kann
bei Morbus Crohn in unterschiedlicher
Häufigkeit jeder Abschnitt
der Magen-Darm-Traktes befallen
sein . Die Betroffenen leiden
neben starken körperlichen
Einschränkungen zusätzlich
unter psychischen Belastungen,
denn die Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes
mit den beschriebenen Symptomen
stellen häufig ein gesellschaftliches
Tabu-Thema dar. Sie stoßen
in vielen Bereichen wie Beruf,
Partnerschaft und Freundeskreis
auf Probleme. Das soziale Umfeld
reagiert mit Unwissenheit, Unverständnis
und zum Teil sogar mit Ablehnung.
Erfahrungsberichte zeigen, wie
schwer sich ein Leben mit der
Erkrankung teilweise darstellt
und wie stark der Alltag auf
die Krankheit fokussiert ist.
Hinzu kommt die schlechte Prognose
der Erkrankung. Die Entzündung
besitzt eine chronische Verlaufsform
und ein chirurgischer Eingriff,
bei dem die entzündeten
Darmsegmente entfernt werden,
ist oftmals die »Ultima
Ratio«. Bei Colitis ulcerosa
führt die Entfernung des
Dickdarms (Kolektomie) in aller
Regel zur Heilung.
Bei Morbus Crohn-Patienten wird
hingegen ein chirurgisches Vorgehen
nur bei Auftreten von Komplikationen,
wie zum Beispiel Verengungen
des Darmrohrs (Stenosen) oder
Fistelbildungen, in Betracht
gezogen, da die Erkrankung durch
eine enorme lokale Rezidivrate
gekennzeichnet ist. So treten
bei einem reinen Dünndarmbefall
innerhalb von zehn Jahren erneut
Symptome bei 30 bis 40 Prozent
der Fälle auf, bei Befall
des Ileums und Kolons haben
sogar 80 Prozent der Erkrankten
erneut
Beschwerden. Bei 60 Prozent
dieser Patienten wird eine weitere
Operation notwendig. Wenn das
entnommene Segment sehr groß
ist und weniger als 200 Zentimeter
Dünndarm noch intakt sind,
leidet der Patient in der Folge
am so genannten »Kurzdarmsyndrom
«: Die Fettverdauung ist
gestört , weil die Resorptionsober-
fläche und die Passagezeit
des Dünndarms zum Teil
sehr stark reduziert werden.
Nahrungsfette und die für
die Fettaufnahme wichtigen Gallensalze
werden nur noch unzureichend
vom Körper aufgenommen.
Dadurch wird auch die Versorgung
mit den fettlöslichen Vitaminen
A, D, E und K beeinträchtigt.
Darüber hinaus gelangen
Gallensalze und nicht verdautes
Fett in den Dickdarm, wo sie
öligen und wässrigen
Durchfall verursachen. Die resultierenden
Symptome sind denen der zugrunde-liegenden
Entzündungskrankheit ähnlich.
Therapie entzündlicher
Erkrankungen des Magen- Darm-Traktes
Trotz intensiver Forschungsbemühungen
sind die Ursachen entzündlicher
Darmkrankheiten nur unvollständig
bekannt. Zu den möglichen
Faktoren werden ein überaktives
Lokalimmunsystem, die Darmflora,
Umweltfaktoren, genetische Disposition
und Ernährungskomponenten
gezählt. Das Rauchen hat
unterschiedliche Auswirkungen
auf die entzündlichen Darmerkrankungen.
Während für einen
Raucher ein vierfach höheres
Risiko besteht, an Morbus Crohn
zu erkranken, verringert sich
sein Erkrankungsrisiko für
Colitis ulcerosa um Faktor zehn.
Solange die Ursachen der Erkrankung
nicht bekannt sind, gibt es
weder für Morbus Crohn
noch für Colitis ulcerosa
eine spezifische, heilende Therapie.
Da die Krankheit zwischen akuten
Schüben und Remissionsphasen,
in denen die Symptome vorübergehend
abklingen, wechselt, ist es
Zweck und Ziel der medikamentösen
Therapie, die akuten Phasen
möglichst schnell in Remission
zu überführen und
diesen Zustand zu erhalten.
Zur Zeit werden die steroidalen
Entzündungshemmer, zum
Beispiel Prednison, Prednisolon,
Budesonid, als »Gold Standard«
der akuten Therapie betrachtet,
während Mesalazin (5-ASA)
für die Verlängerung
der Remissionsphase angewendet
wird. Zur Therapie des Morbus
Crohn wird normalerweise ein
Medikament zur peroralen Einnahme
verschrieben. Bei Colitis ulcerosa
eignet sich die rektale Verabreichung
von entsprechenden Wirkstoffen
gegen Entzündungen im Enddarmbereich.
Eine lokale Therapie von betroffenen
Teilen des proximalen Dickdarms
ist nur über den Verdauungsweg
(peroral) möglich. Bei
beiden Krankheiten liegen die
entzündeten Stellen weit
entfernt vom Applikationsort.
Um eine optimale perorale Therapie
zu erreichen, muss die Arzneiform
zu einer rechtzeitigen und zielgenauen
Freigabe des Wirkstoffes führen.
Wird dies nicht gewährleistet,
kann der Wirkstoff zwar eingenommen
werden, steht aber dort nicht
zur Verfügung, wo er gebraucht
wird. Wo der Wirkstoff im Körper
freigesetzt werden soll, hängt
vom individuellen Entzündungsmuster
des Erkrankten ab. Bei einem
Morbus Crohn-Patienten kann
die Entzündung auf den
Bereich zwischen Dünn-
und Dickdarm beschränkt
sein, während sich die
Entzündung bei einem anderen
entlang des Magen-Darm-Traktes
ausbreitet. Im Gegensatz dazu
ist die Entzündung bei
Colitis ulcerosa auf dem Dickdarm
beschränkt. Bei der peroralen
Therapie von Colitis ulcerosa
soll der Wirkstoff deswegen
erst ab dem hinteren Teil des
Dünndarms freigesetzt werden.
In vitro-Untersuchungen im Arbeitskreis
von Prof. Dr. Jennifer Dressman,
Institut für Pharmazeutische
Technologie an der Universität
Frankfurt, haben gezeigt, dass
die Freigabeprofile der verschiedenen
Handelsprodukte diesen Bereich
zumindest zum Teil abdecken.
Produkte wie Pentasa® setzen
Mesalazin langsam und kontinuierlich
frei, deswegen eignen sie sich
gut für die Therapie von
Patienten mit einem weiten Entzündungsmuster.
Ist die Entzündung dagegen
auf den Übergangsbereich
zwischen Dünn- und Dickdarm
beschränkt, eignet sich
zum Beispiel Salofalk® für
die Therapie. Da die Entzündungsherde
bei veschiedenen Patienten auf
unterschiedliche Regionen konzentriert
sind, dürfen die in dargestellten
Produkte, die sich in ihren
Freisetzungsprofilen voneinander
unterscheiden, nicht gegeneinander
ausgetauscht werden. Deswegen
sollte eine Substitution nur
unter Aufsicht des betreuenden
Arztes stattfinden und nicht,
wie in der frühesten Bekanntmachung
des Bundesministeriums für
Gesundheit und Soziale Sicherung
vorgeschrieben wird , allgemein
möglich sein. Nach dieser
Bekanntmachung werden nämlich
alle der in dargestellten Mesalazin-Produkte
bis auf Asacolitin® als
gleich wirksam betrachtet. In
Zusammenarbeit mit der Firma
Röhm GmbH in Darmstadt
arbeiten der Arbeitskreis von
Prof. Dr. Jürgen Stein,
Medizinische Klinik II, Schwerpunkt
Gastroenterologie, Hepatologie
und Ernährungsmedizin des
Universitäts-klinikum Frankfurt,
und der Arbeitskreis von Prof.Dr.
Jennifer Dressman daran, die
Mesalazin- und Budesonid-Produkte
weiter zu optimieren. Ziel der
Arbeit ist, neue Darreichungsformen
mit verschiedenen Freigabe-Profilen
zu entwickeln. Budesonid ist
ein Corticosteroid und hat im
Vergleich zum Alternativpräparat
Prednison den Vorteil, dass
es bereits in der Darmwand abgebaut
wird und deshalb den Körper
nur sehr geringfügig belastet.
Die Zusammenarbeit zwischen
dem Institut für Pharmazeutische
Technologie und der Firma Röhm
hat bisher zu fünf Patent-Anmeldungen
geführt, zur Zeit laufen
die ersten klinischen Studien
mit den entwickelten Prototypen.
Bei Patienten mit Kurzdarmsyndrom
ist durch die Entfernung von
Darmabschnitten die Aufnahme
von Nahrungs-bestandteilen stark
beeinträchtigt. Durch eine
Störung des Gallensalzhaushalts
ist vor allem die Verdauung
der Nahrungsfette reduziert.
Um eine längerfristige
künstliche Ernährung
über die Vene des Patienten
zu vermeiden beziehungsweise
diese Phase zu verkürzen,
kann neben der Einhaltung spezieller
Diäten (mittelkettige Triglyceridfette,
Ergänzung mit Vitaminen)
auch die Substitution von gallensalzähnlichen
Substanzen eine mögliche
Alternative darstellen. Durch
das als Granulat zu den Mahlzeiten
eingenommene Medikament soll
die Fettverdauung unterstützt
und somit der Allgemeinzustand
und die Lebensqualität
des Patienten wieder verbessert
werden. Um ein solches Medikament
zu entwickeln, arbeiten das
Institut für Pharmazeutische
Technologie und das Klinikum
der Universität Frankfurt
eng zusammen. So wurde ein Prototyp
des neuen Medikaments, ein Granulat
mit speziellem Überzug
zur kontrollierten Wirkstofffreigabe,
in einer klinischen Studie auf
seine Wirksamkeit und Unbedenklichkeit
überprüft .
Durch die spezielle Galenik
des Medikaments kann der Wirkstoff
gezielt zum Wirkort gebracht
und unerwünschte Wirkungen
vermieden werden. Das Ergebnis
gibt Anlass zur Hoffnung, dass
in Zukunft viele Patienten von
dieser modernen und kostengünstigen
Therapie profitieren können.
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